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Fortsetzungsroman: Christian Weigel – Rollo, Teil 1

Sascha war diesen Sommer sechzehn geworden und ein Freak – glaubt man seinen Bewunderern. Ein passionierter Inlineskater war er, aber nicht nur feierabendmässig wie es junggebliebene Studenten, die sich nach Vorlesungsende noch fit (fit, fit!) halten, und über Wirtschaftswege donnern mit ihren Kommilitoninnen, sondern auch über Rampen und Kanten und allem was irgendwie weh macht und wo man eigentlich wegschaut wenn’s passiert und überhaupt Sackziehen bekommt. Bestimmt gibt es diesen Scheiss auch auf DVD oder sonst ein Multipack von PlayStationTwo (“The third place!!!“).
Jedenfalls wollte Sascha etwas erleben. Was Erlebendes, nicht wie die Schule, für die er nur wenig übrig hatte und hat, dieser Sascha.
Lange Haare zierten das Äußere seines schmalen, hageren Schädels. Lange, schwarze Haare. Freundliches Grinsen. Nicht unhilfsbereit. Lässige Haltung, überhaupt lässig, alles lässig, mit sechzehn… dieses Lässig-sein eben. Es sei denn, man ist es nicht. Aber Sascha hatte ja den Grund dazu. Ein etwas zu gross geratenes T-Shirt mit den Riesenlettern LEE, der Firma. Etwas zu grosse Hosen, aber für richtige Baggypants, so wie man sie Ende der Neunziger völlig selbstverständlich trug, doch noch zu klein. Aber immerhin.
Sascha war also unterwegs, unterwegs zu einem Inlinecontest, man könnte auch sagen Wettbewerb, aber das klingt ja nach „Jugend trainiert“ oder sonst was. Der Contest war in München, und dorthin flog also Sascha. Nach seiner Landung, suchte er sich in einem der zahlreichen Flughafenshops nach einer Fachzeitschrift (“der kleine Inliner“). Da stand er nun und entdeckte etwas unerwartet die neuste Ausgabe seiner Lieblingslektüre.

„Ah stark, das neue „Skate“ ist schon da. Vielleicht finde ich darin noch ein paar coole Tipps für meinen Stunt.“ dachte er.
Wieso „Stunt“? Das, lieber Sascha ist nun doch was gänzlich anderes. Das machen Leute wie die Tochter von Karl Dall, von dem man dann später sagt: Er wollte uns zum Lachen bringen, und das Markenzeichen, auf das er stets zurückgreifen konnte, war sein Auge.

Sascha stand –und das wusste er nicht- Rücken an Rücken mit einem Fettwanst, der sich, leidenschaftlich verfressen wie er war, einem mit Süßigkeiten gefüllten Regal zugewandt hatte. Sascha und der Fettwanst hatten eines gemeinsam, ohne es wirklich wahrzunehmen. Beide trugen große Hemden, der eine, ich rede von Sascha jetzt, weil er dem modischen Druck nachgab, und weil es ihm „gefiel“, und der andere, der Fettwanst, weil er einfach einer grossen Größe bedufte. Schlimm, aber wahr. Immerhin stopfte er sich nicht mit aller Gewalt das ganze in die Bermudahose, sondern liess sein Hawaiihemd darüberfallen. Gut. Mehr über den Fettwanst, denn er sollte noch mehr mit der ganzen Geschichte zu tun bekommen. Ich weiss nicht, kann man ihn lässig nennen? Ich täte es gerne, aber die Leute vom Verlag dachten bestimmt, fett muss er sein und beschissen, ekelig in jeder Hinsicht, dann ist Fettmops unser Mann. Aber was der Dicke tat, war, die Beine x-förmig auseinanderzudrücken. Aber das ist ja erblich bedingt. Und dann gibt es noch die erwähnenswerten weissen Socken.
„Klasse, mein Lieblingsriegel! Ich komm‘ fast um vor Hunger! Das Essen im Flugzeug hat ja noch nicht mal für meinen hohlen Zahn gereicht.“ sagte er und griff nach dem geilen Stück in knisternden Papier. Selbstverständlich war es nicht das einzige, M&M’s waren bestimmt auch dabei und Lion oder Twix waren bestimmt auch dabei.
Plötzlich sah er erschrocken auf seine Armbanduhr, die sein Handgelenk durchschnitt, und stellte fest:
„Verdammt, ich muss los! Wenn ich schon am ersten Tag zu spät komme, macht sich das bestimmt nicht gut!“ Jetzt kann auch ich sein Hemd besser sehen und muss feststellen, es sieht wirklich hässlich aus. Im Prinzip würden das Frauen ab fünfzig aufwärts anziehen! Lilien darauf, Orchideen. Auf blauem Hintergrund. Er wirft also das Geld hastig auf die Theke:
„Stimmt so, der Rest ist für Sie!“ …und greift beim Aus-dem-Laden-Herauslaufen nach der falschen Tasche. Wer will ihm da groß einen Vorwurf machen? Schließlich sieht die Tasche genauso aus, ja, sie ist das gleiche Fabrikat wie die Tasche von … Sascha! Der hatte seine ganz in die Nähe von der vom Fettwanst gestellt, sich mitsamt seiner ganzen Lässigkeit in sein blödes „Skate“ vertieft. Sascha denkt nur, nicht neidisch, sondern anerkennend:
„Mann, der Typ hat das Grinden anscheinend erfunden! Aber die Nummer krieg‘ ich auch locker hin!“ Grinden, was immer das auch ist. Dabei guckt er auf eine Abbildung in der Zeitschrift. Schließlich will er sich ja nochmal inspirieren lassen. Aber Grinden ist ja nicht neu, oder? Also ich bin ja kompletter Outsider, aber wirklich neu ist es nicht, oder? Scheisst auf das Grinden. Kurz darauf geht also auch unser Grinder zur Kasse und möchte die Fachzeitschrift erwerben.
„Hier, sechs Mark. Stimmt doch, oder?“ sagte er zur Frau an der Kasse. Sie zu ihm, sehr forsch wie ich finde:
„Ja… wir haben übrigens auch Frisuren-Zeitschriften da.“ Und tatsächlich. Eine solche Kiosk oder sonstwas Frau würde das zwar nie sagen, aber: Sascha hatte wohl eine schwarze, lange Mähne, aber sie war auch verfilzt, leicht verfilzt, wie bei Bob Marley.
Einmal kam ein Mann zu mir mit Bierflasche, es war im Zug. Wir fuhren gerade zurück von München nachhause in die Provinz, und er sah mich lässigen Typ mit der Gitarre im Abteil sitzen und meinte:
„Spiel mal was von Bob Marley.“ Bartstoppeln, Bauch, Haare zu dünn und zu wenig geworden für richtig noch langgewachsen sein (obwohl es auch solche Typen gibt), Muscleshirt. Und dann, als ich das nicht konnte, nimmt er sich die Gitarre, ich kriege insgeheim schon Zustände, aber kann man unlocker sein unter Gitarristen und sagen, nee, du, ich hab bei Dir eher bedenken, daß Du dem Lack schadest oder vielleicht das Ding bei der nächsten Haltestelle mitnimmst oder wenn wir umsteigen müssen behalten willst… Also spielt er sein „Golden Brown“, das man eben nunmal mit zwei Griffen perfekt hinbekommt, das ist die Ironie in der Musik. Das ist der absolute Generationenkonflikt, würde ich sagen.

Und unser Sascha, dem sowas nicht passiert, denn wenn man auf HipHop steht, nimmt man ja keinen Plattenspieler oder kein Mikrofon mit auf Klassenfahrt, der steht also mit seinen hochtoupiert wirkenden Haaren an der Kasse, verlässt diese und schlendert lässig durch den Flughafen Riem und kommt also vor dem Flughafengebäude auf die Idee, das Heft in seine Tasche zu stecken, weil unbequem auf Dauer. Er stellt also das dunkelblaue Taschenmonster auf den Teer, zippt es auf, und da trifft ihn der Schlag:
„Iiiih, wo kommt denn das Einmannzelt her? So ein Shit, das ist ja gar nicht meine Tasche!“ schreit er und hält ein grosses Hemd in der einen Hand, das Inlineskatemagazin immernoch in der anderen. Das „Zelt“ hält er so angeekelt in der Hand, dass zwei Finger in den Himmel weisen, er mag es gar nicht ganz anfassen, denn er ahnt den Fettarsch, dem dieser Unterstand gehören könnte. Aufgeregt durchwühlt er die Reisetasche, denn mit ein bißchen Glück, so hofft Sascha, findet er die Adresse von dem Penner, der die Taschen vertauscht hat. Aber alles, was er zunächst sieht, sind, neben ein paar Klamotten, Schulhefte. Da, schließlich findet er einen Brief, der vielleicht Aufschluss bringen kann. Aufmerksam liest Sascha den Brief, der an einen Herrn Roland Fritz, Hanse Allee 143, 20115 Hamburg adressiert ist. Der Brief stammt aus München, ist geschrieben am 20.7.1998:
„Sehr geehrter Herr Fritz,
wir freuen uns sehr, daß Sie in Ihren Ferien unserer Tochter Sandra Nachhilfe geben wollen.
Damit Sie sich schon mal ein Bild Ihrer neuen Schülerin machen können, haben wir ein Foto unserer Tochter beigelegt.
Leider ist es uns nicht möglich, Sie vom Flughafen abzuholen. Bitte nehmen Sie sich deshalb ein Taxi, die Kosten werden Ihnen natürlich von uns zurückerstattet.
Hier zur Sicherheit noch einmal die Adresse.
Familie Lauer Mozartweg 37 81232 München
Mit freundlichen Grüßen Günther Lauer“
Sascha sagte zu sich:
„Ah, mir geht ein Licht auf, der Typ mit meiner Tasche soll dem Girl Nachhilfe geben!“ Und ein Bild war auch an den Brief geheftet. Das sollte vielleicht Saschas Überlegungen beeinflussen. Aber die Priorität hatte natürlich sein Equipment. Denn ohne sein Equipment konnte er den Contest und seinen Urlaub vergessen. Die letzten Kröten gingen schließlich für den Flug nach München drauf.
Da kam Sascha eine verrückte Idee:
„Wenn ich schon in München bin, dann kann ich mir ja auch mal die süße Maus anschauen. Zu verlieren hab ich sowieso nichts mehr!“ Ehrlich gesagt, verstehe ich Sascha in diesem Punkt nicht. Er muss sich die Maus anschauen, will er an seine Inliner kommen, das sollte Pflicht haben. Aber egal, er sieht es anders, also muss ich es auch.
Also schwang der aparte und immernoch lockere Sascha seine weissen Markenturnschuhe in Richtung da wo „unsere Tochter Sandra“ wohnt. Woher weiss er nur die Adresse? Mehr dazu später. Vielleicht stand die ja auf dem Couvert. Aber, wie gesagt, es bleibt im Verborgenen, im Okkulten.

Zur gleichen Zeit wartet Sandy, wie sie offensichtlich von der Mehrzahl ihrer Bekannten genannt wird, mit ihren Eltern auf die Ankunft ihres Nachhilfelehrers. Obwohl sie ihn noch gar nicht kennt, ist Sandy jetzt schon ziemlich sauer. Warum nur? Weil sie ahnt, dass er einen häßlichen weissen Arsch sitzt? Sandra ist fünfzehn, und die erste Ziffer ihres Alters ist auch die Zeugnisnote in Mathematik, die ihren Eltern so zu schaffen macht. Warum denn? Bleibt sie sitzen und schafft am Ende nicht den erhofften Abschluss? Macht Tante Helga oder Oma Pasing nachher Augenbrauen-nach-oben-zieh und nur mit kräftig Durchatmen gibt’s nochmal fünfzig Mark? Würde es nicht auch okay sein, wenn sie Einzelhandelskauffrau wird und hinterher halt Hausfrau, oder eben sowas wie die Tante am Flughafenshop? Jedenfalls ist Sandra fünfzehn und die erste Ziffer… jedenfalls ist sie schulterlang blond und lebenslustig, verbringt viel Freizeit mit ihrer besten Freundin Tanja. Doch zu der später. Klar, die Mode bestimmt ihr Leben, sie trägt in den ausgehenden Neunzigern Schuhe mit dollen Absätzen, wie sie damit ihren Füßen schadet, ahnt sie erst Jahre später. Des weiteren verrät ihre verquollene Nase, die zwar nicht unansehnlich ist, aber eben doch verquollen, dass sie in der Pubertät ist. Daran ist nichts Falsches, aber es muss auch gesagt sein, denn es ist von Wichtigkeit.
Fakt ist, oder man könnte auch sagen, fuck ist, dass ihr Vater einen Mathe-Crack engagiert hat, der in den Ferien mit Sandy büffeln soll – zum Entsetzten der Tochter. Denn eines ist schonmal klar, klar wie Klosbrühe: Ein Mathegenie muss als Junge ein Blindgänger sein. Soll sagen: Er ist lookmässig unter aller Sau, Nichtschecker, hat von Tuten und Blasen keine Ahnung. Und dieser Typ soll sie begleiten auf der Urlaubsfahrt gen Süden. Ihren Unmut bringt Sandy gegenüber ihren Eltern so zum Ausdruck:
„Dieser Typ ist bestimmt eine totale Knallschote! Ich habe keine Lust, mir von dem den Urlaub versauen zu lassen!“ Der Vater, der sich vor der vererbten Eiche rustikal aufgebaut hat, hält dagegen:
„Jetzt ist es aber genug! Hättest Du mehr für die Schule getan, wäre dieser Aufwand gar nicht nötig!“ Die Mutter, auf einen ebenfalls geerbstückten Vorzeigeessel plaziert, fügt hinzu:
„Schließlich hast du die Klasse nur mit Ach und Krach geschafft!“ Die Eltern sehen übrigens wesentlich moderner aus als die Eichklötze, die ihnen Oma Pasing vorwurfsvoll ans Bein gebunden hat, das zu ihrer Ehrenrettung. Trotzdem sind sie als Eltern klar zu identifizieren. Derweil versucht Sandy es mit Betteln und reißt ihre rehbraunen Augen, von denen noch die Rede sein wird, weit auf, wie die, die Schleyer fanden (danke, Eisfeldt), weit, weit auf. Und sie öffnet ihre dicken, sinnlichen Lippen und ihre Hasenzähne kommen kleinlaut flehend zum Großeinsatz:
„Bitte, bitte, Papi, häng mir diesen Streber nicht auch noch in Italien auf. Ich werde dort auch jeden Tag mit Tanja büffeln – großes Ehrenwort!“ Ich kann die Reaktion des Vaters verstehen, der angesichts solcher Naivität hart bleibt:
„Glaubst Du an Wunder?! Und damit ist die Diskussion beendet!“ Sandra wiederum:
„Und wenn ich schon vorher den Stoff mit ihm durchhabe?“
Die Antwort, so es eine gäbe, können wir erahnen, doch wahrscheinlich hatte der Vater daraufhin nur noch mit der ohnehin schon gerunzelt Stirn gefaltet und es war klar. Keine Widerrede. Ein bißchen sah der Herr Sandravater so aus wie der Jörg Haider aus Kärtnen, der Obmann, manchmal auch wie der Jürgen Fliege, auch ein Verführer. Und ich glaube, beide Vergleiche könnten so rumlaufen, oder ihr Management würde es ihnen nahelegen. Privat sind beide wohl viel legerer, gerade Jürgen Fliege. Aber unser Sandravater läuft also zuhause mit schwarzen Lackschuhen rum und mit schwarzer Hose und weisse Hemd, gelber Krawatte, schwarze Weste, ja, kommt er denn gerade aus seinem Porsche von der Firma?

Wenig später kommt Sascha bei der Adresse an, die in dem Brief stand. Da stand aber keine Adresse in dem Brief. Vielleicht außen, aber das hatte ich ja schon gesagt. Und wollt ihr wissen, wie die Hausfassade aussieht? Oh Gott, genau wie der Herr Papa vor der Eiche rustikal! Erstens: sie sind definitiv reich, okay, wenn man sich einen Nachhilfedeppen aus Hamburg holt für den Urlaub, einen Mathecrack, dann hat man Heu ohne Ende. Drei Granitstufen bis zur Eingansür, helles Holz, im bayerischen Stubenstil gedrechselt, allein auf der rechten Hausseite von der Tür aus fünf Fenster. Eine stilisierte Laterne rechts über der Eingangstür. Im Prinzip wie Carolin Reiber: Ein bisserl alpenländisch traditionell samma, ein bisserl modern, ein bisserl reich schnöselig, alle zsamma häppi samma. Da schlurft also der Dreadlockskater die Granitstufen hoch. Er hat eine Brust wie Felix von Beinbach von Verbotene Liebe, will sagen, er wirkt von der Seite, als könne man ihn umblasen, eine Faba, die mehr Haupthaare hat als meine Mutter. Er ist das wahre Einmannzelt, nicht das Hemd des Fettmops, tut mir leid, lieber Felix von Beinbach-Anstetten, kapitale Fehleinschätzung. Und jetzt macht unser Freund eine kleine Bemerkung:
„Nobler Schuppen! Jetzt bin ich aber gespannt, ob die mir den Schwindel abkaufen.“ Da läuft doch was verkehrt. Diese Sau von Skater mimt jetzt den Typen, der die Taschen vertauscht hat, und der offensichtlich keinen modischen Geschmack vorweisen kann, aber ein zuckersüßes Mäuschen abbekommen hat. Diese himmelschreiende Ungerechtigkeit muss unser berittener Held (“Wo bleibt denn unser Jüngster?“) wieder ausbügeln.
Als es an der Tür klingelt, will Sandy in ihr Zimmer verschwinden, die Mutter, die ihren etwas zu dicken Körper in eine beigefarbene Hose gezwängt und darüber eine passende Schlangenhautjacke geworfen hat (!) hält die Tochter aber am Unterarm fest: „Hiergeblieben! Schließlich kommt der junge Mann extra wegen dir!“ mahnt sie.
„Oh Mami, bitte, ich seh‘ ihn doch noch früh genug.“ entgegnet die freche Göre. Der Haider aus dem Hintergrund:
„Benimm dich, sonst fällt Italien ganz flach.“
Als sie die Tür öffnen, trauen Sandy und ihre Eltern kaum ihren Augen. Wir wissen schon, wer da jetzt steht, die Tasche auf dem Rücken, die freie Hand lässig locker, wie es sich für Skater gehört, in die Hüfte.
„Guten Tag, sind Sie etwa Herr Fritz?!“ fragt Jürgen Fliege.
Als nächste Sandra: „Ich glaube, ich träume!“

Christian David Weigel
Christian David Weigel, Jahrgang 1973, Gründungsvater der Pioniergesellschaft für „Schwülste, Dicklichkeiten und Gedärme“. Weigel erregt erstes Aufsehen mit dem schon in jungen Jahren veröffentlichten ‚Universalweigel‘, später folgt der Durchbruch mit „Wenn Teenager träumen“. Er muss daraufhin sofort eingeliefert werden, aber bis ins Hopital dringt die Presse vor und macht Bilder, die den mittlerweile armen alten Mann zeigen, wie er ist: abgeschottet und erfolgreich – so hat auch das Team Telekom im letzten Sommer abgeschnitten. Wie wiederum ich ein Stückchen von der türkischen Salami.

Fortsetzungsroman: Christian Weigel – Rollo, Teil 2

„Guten Tag, sind Sie etwa Herr Fritz?!“ fragt Jürgen Fliege.
Als nächste Sandra: „Ich glaube, ich träume!“
Und die Schlangenhaut: „Wollen Sie wirklich zu uns?“
Der Grind-Experte bleibt voll auf der schwindelnen Linie: „Na klar, oder haben Sie einen anderen erwartet!?!“
Sandras Mutter kann es noch gar nicht glauben:
„Entschuldigen Sie bitte. Wir wollten nicht unhöflich sein, aber ein Mathematikgenie haben wir uns irgendwie anders vorgestellt!“ Sandras Blick hat sich ein bißchen entspannt, ihre Lippen sind leicht geöffnet, als wollten sie sagen, was das blonde, naive Köpfchen dahinter denkt:
„Scheint ja ein ganz lockerer Typ zu sein!“ Sascha seinerseits atmet innerlich auf, weil die Familie den erwarteten Nachhilfelehrer, wie er gehofft hatte, tatsächlich nicht kennt. Er packt noch einen drauf und setzt ganz auf schmierig:
„Tja, gnädige Frau, lassen Sie sich nicht von dem äußeren Schein täuschen. Es sind die inneren Werte, die zählen.“ Das Eis scheint gebrochen. Die anfängliche, berechtigte Skepsis weicht nun zugunsten der üblichen Höflichkeit. Der Vater bittet das Mathegenie herein.
„Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug?“ erkundigt er sich und lotst den jungen Mann ins Hausinnere.
„Ja danke, wenn auch ein wenig anstrengend.“antwortet Sascha.
„War wohl ziemlich turbulent, wenn ich mir die Haare so anschaue.“ bemerkt die Tochter, schon etwas arg frech zu diesem Zeitpunkt. Die Mutter daraufhin:
„Nehmen Sie Sandy bitte nicht ernst. Sie ist immer so vorlaut.“ Obwohl Sandy angenehm überrascht ist, zeigt sie Sascha die kalte Schulter. Mann, stellt die sich an, da kann sie erleichtert sein, denn mit dem kann es ja was werden, und eine Erfolgsgarantie haben die Eltern ja bestimmt nicht mitbezahlt, oder? Der Vater entschuldigt sich vorsichtshalber schon einmal bei Herrn Fritz:
„Seien Sie unserer Tochter Sandra nicht böse, aber wer lernt schon gerne in den Ferien!“ Und die gnädige Frau Mama macht von Geilheit geprägten Vorschlag:
„Wie wäre es, wenn Sie Sandy in ihr Zimmer begleiten. Dann kann Sie Ihnen gleich ihre Bücher zeigen. Und abends gehen wir zur Feier des Tages zum Essen!“ Sascha ist begeistert, an seiner Stelle würde ich mir das auch nicht zweimal sagen lassen:
„Eine hervorragende Idee, gnädige Frau. So ist es mir schneller möglich, für Sandra einen Leistungsplan aufzustellen!“ grinst er in die Runde. Sandy, die immernoch die kalte Schulter präsentiert, kommentiert diesen tollen Vorschlag mit einem
„Echt klasse! Ich kann es kaum noch erwarten!“ Sascha wendet sich der kalten Schulter zu, ja, er betatscht sie sogar.
„Also Sandra, dann laß uns doch gleich mal anfangen. Ich bin schon gespannt, wei weit ihr im Unterricht gekommen seid.“ Dabei lacht er seine neue Schülerin richtig lässig an, spielt seine Rolle perfekt. Doch seine Schülerin blökt mit verschränkten Armen:
„Hey, spar dir dein geschwollenes Gequatsche für meine Eltern!“ Hat sie das Gequatsche etwa als Gesülze enttarnt? Aber sie scheint ja nicht zu ahnen, dass sich hinter dem schleimenden Genie ein skatender, mathehassender Beau zu verbergen scheint.

In ihrem Zimmer angekommen, dreht Sandy den Spieß um:
„Eines sage ich dir gleich: Fünf Stunden Pauken am Tag fällt aus! Damit wir uns gleich verstehen!“ Eine Dachschräge. Ein blaues Teenagersofa, ein Old-Style-Telefon, ein Pseudo-Orient-Teppich, ein Quotenposter mit der Aufschrift „Expo New York“.
Sascha darauf:
„Mensch, bleib locker. Außerdem stell‘ ich die Regeln auf, denn ich bin hier der Lehrer!“ Er versucht, das Kennenlernen etwas schöner zu machen.
„Okay, wir hatten einen schlechten Start. Schwamm drüber! Zeig mir doch bitte mal deine Bücher, damit ich weiß, wo’s langgeht!“ Doch als der schwarze Haarschopf Sandys Bücher sieht, muss er schlucken.
„Oh, Mathe! Das ist nicht gerade mei… äh, deine Stärke!“ Fast hätte er sich freudianisch versprochen…
„Ehrlich gesagt nicht, Algebra ist schon stressig, aber bei Geometrie hab‘ ich gar keinen Plan. Kannst Du mir das erklären?!“ bittet Sandra, die ihn schon ganz ergeben anschaut, von unten, denn sie sitzt vor ihm, und er könnte, wenn er scharf wäre, in ihr Dekolleté schauen. Aber Sascha beläßt es dabei, verzweifelt zu sein, denn er ist eine glatte Null in Mathematik, und antwortet:
„Mmmm, im Grunde ist das ganz einfach… aber ich habe von der Reise unheimliche Kopfschmerzen. Bist du mir sehr böse, wenn wir erst morgen mit unserer ersten Lektion anfangen?!“ Jetzt setzt sich unser müdes, geplagtes Genie hin, und unsere geschundene Schülerin ist erleichtert und beugt sich über ihn:
„Prima, ich glaube, wir werden uns gut verstehen!“ Sascha fürchtet aber Jörg Haider und seine Domina, und er schlägt vor:
„Äh…deine Eltern brauchen ja nichts davon zu erfahren!“
Als Sascha weg ist, ruft Sandy gleich Tanja an.

Tanja, wie bereits erwähnt, ist Sandys beste Freundin, mit der sie durch dick und dünn gehen, und mit der sie diesen Sommer nach Italien darf. Tanja ist auch fünfzehn Jahre alt, aber in Mathe nicht ganz so schlecht. Sie ist auch topmodisch drauf, trägt ein bauchfreies Top, das kann sie, denn sie ist sportlich durchtrainiert, einem Lachen näher als einem Weinen, hat lange, gewellte, braune Haare. Diese Tanja ist nicht schlecht begeistert, als Sandra ihr folgendes am Telefon erzählt:
„Stell dir vor, dieser Mathefritze ist ein totaler Freak, den musst du kennenlernen! Können wir uns treffen?“ Tanja hat ein anderes Telefon, eher so Handyformat, klein, schwarz, handlich, und sie sagt:
„Gerne, vielleicht wird der Urlaub in Italien doch noch ganz easy!“ Schnell haben die beiden Tucken einen Treffpunkt ausgemacht in der Weltstadt München, irgendein gepflasterter Platz, mit Stufen, rundherum einige Strassencafés.

Sandra ist mit Sascha schon da, als kurz darauf Tanja mit ihren –ja, genau: Blades eintrifft. Tanja ist nur bekleidet in sommerlichen Shortpants, Knieschonern, und einem bauchfreien Shirt. Wenn das mal dem Mathelehrer nicht die Augen aus dem Schädel reißt. Noch ist es aber nicht soweit. Die beiden Erstankömmlinge stehen noch so relaxed an einem Sendlinger Tor oder sonstwo, und Sandra philosophiert so vor sich hin:
„Tanja ist meine beste Freundin! Wenn sie dabei ist, gibt’s immer was zu lachen.“ Solche Menschen mit so einer Vorankündigung haben mich meistens enttäuscht. Dann wurde der Abend so lasch wie die meisten CD-Ständer der Republik. Sascha spricht aus, was alle denken, denn niemand kennt Tanja:
„Da bin ich mal gespannt!“ In diesem Augenblick entdecken sie die heranbrausende Tanja. Sandra zu Sascha:
„Na, habe ich dir zu viel versprochen?!“ Und Sascha guckt tatsächlich schon etwas lüsterig:
„Wow, die ist ja total abgefahren… äh, ich wollte sagen, sie sieht sehr symphatisch aus!“ Scheint, als wolle er irgendeine Contenance bewahren, die aber angesichts seines extremen Outfits ohnehin hinfällig ist. Aber egal, Sascha, wir lassen dich mal machen. Tanja staunt den jungen Mann an:
„Aha, du bist also Roland, das Mathegenie?!“
Und Sandy: „Genau, im Grunde ist er gar nicht so verkehrt, er hat nur das falsche Hobby: lernen!“ Sascha, der hier unter Roland läuft, verteidigt sich:
„So wild ist das auch nicht, in der Schule läuft es eben ganz gut für mich!“ Na, so kann man es auch nennen.
Und jetzt kommt eine völlig unerwartete Wendung. Roland, Sascha, wie ihr wollt, will den Mädels jetzt zeigen, dass er nicht verkehrt ist. Einfach aus heiterem Himmel. Und genau dazu hat er dieses gottverdammte Scheisshobby, den Indikator für Ich-bin-locker-checkt-das-endlich. Und dann, wo er es brauchen könnte, hat ihm ein ziemlich dicker junger Mann, der auch noch gerne Mathe macht, seine Tasche mit seinem Scheissequipment weggenommen. Aus Schusselei. Schusseliger Matheprofessor! Es ist nicht zum Aushalten. Mit diesem Scheiss Inlineskater. Grinder. Lässig. Dreadlock! Er will sich Tanjas Blades ausleihen, hups, ja, und wenn sie nicht passen, dann scheut er auch keinen Schmerz, denke ich mir so dabei im Stillen.
Tanja: „Meine Blades?! Bist du dir sicher? Ich will nicht, daß du dir weh tust.“ Sandra schätzt die Lage absolut (Daum) korrekt (Sonja Zietlow):
„Hey, du musst uns nichts beweisen!“ Sascha aber, überzeugt von der Notwendigkeit seiner Aktion:
„Keine Panik! Ich wollte eigentlich morgen zu diesem Skate–Event, nicht umsonst habe den Spitznamen Rollo, der flinke Flitzer!“ Soso. Werden die Girls ihm diesen ausgemachten Scheiss glauben? Seit wann hat der das alles getimed, neben Nachhilfe noch ein Skate-Event? Passt das? Jedenfalls leiht Tanja tatsächlich ihre Blades, und während Rollo, der flinke Flitzer sich die Dinger anzieht, wird Sandy sauer, weil Tanja ein bißchen mit ihm flirtet. So sind sie, die Frauen. Tanja hat derweil ein paar zartblaue Stoffschuhe übergestreift.
Sascha: „Super, die passen ja wie angegossen!“ Und Tanja, ihn anhimmelnderweise angrinsend:
„Jetzt zeig mal, was du kannst!“ Sandra sitzt etwas weiter entfernt auf den Stufen, also ich will sagen, man kann die leicht verschobenen Verhältnisse schon klar ausmachen. Sandy also zu ihrer Busenfreundin:
„Hey, krieg dich wieder ein! Roland schneidet bestimmt nur auf!“ Roland, der flitzende Mathelehrer, nimmt also Anlauf, und nicht schlecht staunen da die beiden Hennen, als er plötzlich einen gewagten Air hinlegt. Hallo, einen Air. Das ist ein Begriff, den nur die Inlinefachleute kennen, es könnte auch eine Szene an der Theke vom „Runner’s Point“ sein, aber es handelt sich hier um Skaten. Inline-Skating. Der Skateur/die Skatrice springt also hoch, winkelt die Beine im Sprung an, legt den Kopf gemütlich auf die Schulter (wir erinnern uns an die kalte Schulter), so dass sich Füsse und Kopf ganz nahe kommen, gefährlich nahe. Aber es passiert nichts, weil es sich hier ja um einen Profi handelt, der von viel, viel Geld ausgeht, dass er bei einem Contest gewinnen wird, bei dem außer ihm nur Schwachköpfe antreten. Na, dann kann ja nichts passieren. Bei seinem „Air“ schreit er befreit
„Yeahhh!“ und wir halten eher den Atem an.
Tanja: „Das gibt’s doch nicht“
Sandra: „Wow, Roland! Der Typ ist ja echt gut!“
Denn die inneren Werte zählen. Während der Held der Kufen, Held der Rollen zu einem neuen Sprung ansetzt, tuscheln die Mädchen, wozu sie die Köpfe zusammenstecken, vergessen der Grabenkampf von gerade eben.
„Eigentlich habe ich ihn mir schlimmer vorgestellt.“ (Sandra) und
„Ganz passabel für einen Mathefritzen. Aber seine Haare und sein Outfit hauen mich nicht gerade um.“ (Tanja) Nachdem Sascha noch einige Jumps vollführt hat, will er die Meinung der Mädchen hören. Selbstsicher baut er sich mit seiner Hühnerbrust vor den Damen auf und grinst wie ein Honigkuchenpferd.
Tanja meinte: „Gar nicht übel!“ und ihre beste Freundin:
„Hey, ein Mathegenie als Skate-King, da kann doch was nicht stimmen?!“ Ahnt sie jetzt, dass Sascha nicht der Nachhilfelehrer ist und eigentlich nur scharf auf eine Nacht mit, na, mittlerweile egal mit welcher von beiden? Letzteres kann sie nicht. Denn sie ist naiv. Der frischgekührte Skate-King preist sich an:
„Tja Mädels, ich habe eben viele Talente!“ Sandy erscheint mir langsam schon gespenstisch, als sie ihm eine Fangfrage stellt:
„Wie lautet noch mal der Satz des Pythagoras?“ Und jetzt ahnt mal, was kommt. Es ist so dreist, das es nicht geschrieben werden dürfte. Nur das kranke Hirn eines notgeilen Autors kann dies erdenken. Da dies aber nicht der Phallus, der Fall ist, hier die wahre Geschichte: Sascha, dieses Riesenarsch, sagt zu Sandra:
„Ach, das ist einfach, aber ich verrate dir die Antwort nur, wenn ich dafür ein Küßchen bekomme!“ So, da wäre er, der Skandal.
Wenn Sandy klug wäre, dann würde sie sich das jetzt gut merken, den Eltern diesen Satz dann kurz vor Italien präsentieren, Jürgen Fliege und Mama Schlangenhaut würden daraufhin den Herrn Fritz zu sich zitieren und er solle sich bitte dazu äußern! Dann stünden die Chancen gut, dass für Sandy kein Lehrer mehr gefunden werden könne, und sie und Tanja wären gerettet. Vielleicht noch die Pädagogische Schülerhilfe, wo Sandy hintigern muss, aber so klug sind die Eltern halt dann doch nicht. Wahrscheinlich scheuen diiese Halbreichen einfach die Pein, die die Kleine auszuhalten hat, wenn sie nach den Ferien gestehen muss, dass sie nicht außer Landes war, und das auch noch, weil sie Nachhilfe in Anspruch nehmen mußte. Dann schon lieber einen dicken Mathelehrer, den man mal gerade so mit in den Urlaub nimmt.
Was passiert in der Realität? Die beiden Mädels sind entrüstet.
„Spar dir deine Machosprüche! Damit kannst du bei uns nicht landen.“meint Tanja, und Sandy findet auch klare Worte:
„Du tickst wohl nicht richtig! Auf so einen wie dich haben wir weiß Gott nicht gewartet!“ Dabei tickt sie sich selbst an ihr zartes Köpfchen, aus dem schulterlanges, blondes Haar heraussprießt. Ihr Stirnchen ist gerunzelt, das sollte es nicht sein, die gezupften, dunklen Augenbrauen nach oben gezogen.

Am Abend sitzen Sandy und ihre Eltern mit Sascha in einem teuren Restaurant. Niemand hat sich entscheidend umgezogen, auch Sandy trägt noch ihr Jeanskleid mit Spaghettiträgern. Nur Vater Fliege hat ein schwarzes Jacket übergezogen. Die Eltern haben einen Wein bestellt, Sandy einen Orangensaft (“Für mich einen O-Saft, bitte“), Sascha eine sportliche Coca-Cola. Man ist gerade bei der Vorspeise, wie es mir scheint. Alle haben bunte Salate vor sich, Sandy einen mit Mozarella und Tomate und den üblichen Basilikumblättern. Die Mutter erkundigt sich beflissentlich:
„Und, habt ihr euch schon angefreundet?“ Die Tochter mimt die Verbitterte:
„Irgendwie werden wir schon miteinander klarkommen.“ Und der Vater stellt dem Lehrer eine unangenehme Frage:
„Stimmt es wirklich, dass Sie einen Notendurchschnitt von 1,2 haben?“
„1,19 – um genau zu sein!!!“, verbessert ihn daraufhin der Gast. Der Vater ist viel zu neugierig nach Saschas Geschmack, allein, er kann diese Fragen nicht verhindern:
„Verraten Sie mir bitte, junger Mann, wie werden Sie methodisch bei der Arbeit mit Sandy vorgehen?“ Sascha bleibt bloß eine Herausrede:
„Nun, es wird gesät, gegossen und geerntet! Genügt Ihnen das als Antwort?!“ Die dummen Spiessbürger von halbreichen Eltern werfen sich einen beifälligen Blick zu.
„Oh Günther, wir haben einen richtigen Philosophen an unserem Tisch!“ So philosophisch war Günther nie, wenn ich mich richtig entsinne. Aber die Mutter Schlange erinnert sich noch oft im Stillen, und da war doch der eine damals, der heute noch manchmal schreibt, wenn er bla, bla, Landhaus Toscana sein Eigen nennt, eigenes Bistro in Nizza, ja, das ist kein halber Wohlstand mit dem Gästeklo trotz allem nach dem Eingang links. Da, bei dem durfte die Tochter nämlich wegen Mathe durchfallen, die kam trotzdem wo unter und sie hat definitiv ihre Qualitäten. Aber Günther, mit ihm zusammen musste sie halt eine strikte Linie durchhalten. Wo bleibt eigentlich ihr jüngster Spross, der vollkommen verwöhnt ist? Vor unserem inneren Auge sehen wir ihn schon. Günther gibt seiner „besseren Hälfte“ übrigens noch eine Antwort auf den „richtigen Philosophen am Tisch“:
„Ja Hildegard, ich glaube, unsere Wahl war goldrichtig!“ Auch Sandy ist beeindruckt und blickt leicht verzückt zu Sascha.
„Mmm, vielleicht tue ich Roland unrecht. Wie er meine Eltern um den Finger wickelt, ist echt klasse!“ Bitte, liebe Sandra, inwiefern tut er denn dies?

Als sie später wieder zuhause sind, begleitet Sandy Sascha zu seinem Zimmer. Plötzlich gibt sie ihm ein Küßchen auf die Wange.
„Danke, der Tag mit dir war echt nett!“ Sascha ist baff.
„Hey, ich dachte, du bist mir böse?!“ Bei dieser Gelegenheit kommen drei Ringe, die er an einer Hand trägt, zum Vorschein. Wahnsinn. Was für eine Art, Schmuck zu tragen. Sandy schaut ihn mit großen Augen an.
„Äh, sorry wegen heute nachmittag. Aber ich kann’s nunmal nicht leiden, wenn mich Jungs gleich anmachen.“ Und dazu diese ergebenen rehbraunen Augen. Da wird der Macho doch glatt zum smoothen Lover mit Kerzenempfang und Rosenblüten im Duftbad.
„Du hast recht. Normalerweise ist das nicht meine Art.“ entgegnet Sascha, der sich wenig später allein in seinem Zimmer befindet. Entnervt läßt er sich gegen die geschlossene Tür fallen.
„Oh Gott“ bricht es aus ihm heraus „was habe ich mir da nur eingebrockt!!! Wenn das mal alles gutgeht?!“

Am nächsten Morgen sitzen Ken, Barbie, Sandybaby und Saschababy beim Frühstück, alle bestens gelaunt. Der Tisch ist, wie sollte es anders sein, reich gedeckt, und die Eltern sitzen –wie auch Sandy- in Morgemänteln da, als hätten sie gerade noch etwas Unanständiges getan nach dem Aufwachen, und sich danach nur flüchtig bedeckt. Jürgen’s Brusthaare sind sogar irgendwie zum Anfassen und Dranziehen nahe. Abel del Autol weigelt sich. Sascha, der auf gepflogen kniggemässig macht, kommt daher mit:
„Ihre Gastfreundlichkeit ehrt mich wirklich sehr!“ Sandy springt für solche Umständlichkeit in die Presche:
„Roland meint, daß ihm das Frühstück schmeckt.“ Jürgen darauf:
„Danke für die Übersetzung! Auch wenn ich keine Nachhilfe bei unserem Genie habe, bin ich doch in der Lage, seine Wiorte zu verstehen.“ Sollte das etwa ein Witz sein, Jürgen?
Hildegard: „Es ist eine große Beruhigung für mich, daß Sie mit nach Italien fahren.“

Plötzlich klingelt es an der Tür. Der Vater ist etwas beunruhigt.
„Wer kann das nur um diese Uhrzeit sein? Es ist besser, wir sehen gemeinsam nach!“

Fortsetzungsroman: Christian Weigel – Rollo, Teil 3

Plötzlich klingelt es an der Tür. Der Vater ist etwas beunruhigt.
„Wer kann das nur um diese Uhrzeit sein? Es ist besser, wir sehen gemeinsam nach!“ Na, das ist mir einer. Er sieht nun wirklich nicht aus wie Bud Spencer zu seinen besten Zeiten (übrigens lebt Bud Spencer noch, er hat sich neulich ein Fussballspiel im Stadion angesehen, da habe ich ihn auf der Tribüne gesehen, im Fernsehen, versteht sich), aber für solch einen memmenhaften Satz hätte ich mir einen anderen Sprecher vorgestellt, ein Hemd wie, wie, na, fällt mir gerade keiner ein. Kommt aber noch. Sandra sprang auf und sagte:
„Bleibt sitzen, ich gehe schon!“ Und der Schwindler in der Runde dachte bei sich: „Irgendwie habe ich ein schlechtes Gefühl…“ Sandy öffnete die Tür und machte eine böse Miene zum bösen Spiel:
„Was wollen Sie, wir kaufen nichts!“
Vor der neureichen Mannschaft samt Sascha stand kein geringerer als der Junge aus dem Flughafenkiosk, der mit dem Lieblingsschokoriegel und dem Orchideenhemd, in dem er vielleicht ja auch unter einer Brücke genächtigt hat. Purpurrot angelaufen vor Scham reibt er mit seiner rechten Patschhand an seiner femininen Brusttasche, in der linken Patschhand die Tasche, die dann wohl Sascha gehört.
„Es tut mir leid, daß ich erst heute komme. Mir ist ein dummes Malheur passiert. Mein Name ist Roland Fritz, ich bin der Nachhilfelehrer!!!“
Dies scheint prompt die ganze Familie Lauer zu überzeugen: so muss ein Nachhilfelehrer aussehen: dick und unansehnlich! Des Saschas Schwindel ist aufgeflogen und die Konsequenz in Person von Herrn Haider-Lauer geht dem falschen Fuffi an den Kragen. Der wahre Roland beäugt das Ganze und kommentiert treffend:
„Der Typ hat ja nun wirklich nicht mein Format!“ Sandy, die ja nun wirklich nur ein hüftlanges Samtsatengkleidchen anhat, fleht ihren schnaubenden Daddy an:
„Bitte, Papi, laß ihn doch erst mal zu Wort kommen.“ Wie von einem furchtbaren Migräne-Muräne-Anfall greift sich Mutter Haider an die Schläfe und sagt:
„Oh Gott Günther, und wir wollten ihm Sandy anvertrauen.“ Einer, dessen methodisches Konzept säen und ernten ist, einer, der eine 1,19 im Abi hat und der Pythagoras für kleine Schlangen hält. Der dumme Sascha, also, dumm guckt er jedenfalls aus der Wäsche, meint zu seiner Verteidigung, denn der Zeigefinger seines eben noch Gastvaters droht ihn fast aufzuspießen:
„Hey, was hätte ich denn tun sollen? Es war doch nicht böse gemeint!“ Nein, das nicht. Aber denkst du ernsthaft, Hildegard und Günther können dich von einem getarnten Triebtäter unterscheiden? Ich auf jeden Fall auch nicht!!!
Der Vater ist außer sich.
„Spuck es schon aus, du wolltest uns doch bestehlen?! Wer bist du eigentlich?“
Ich, der Autor dieser Geschichte, wüßte das übrigens auch gerne. Viel mehr als seinen Namen und sein grausliges Äußeres kenne ich auch nicht. Aus welchem Hause kommt er? Wer sind seine Eltern? Sind sie geschieden, leben sie getrennt? Wer läßt denn seinen Sohn so auf die Menschheit los? Das müssen in jedem Fall Eltern sein, die locker drauf sind, so wie ihr Sohn. Und welche, die irgendwie genug Geld haben. Und seine Gesichtszüge verraten auch ein klein wenig etwas über seine Herkunft. Nicht gerade im Suff gezeugt. Ausnahmen bestätigen die Regel.
Auf die wilde Frage des Hausvaters zurückzukommen. Sascha antwortet rasch:
„Ich heisse Sascha. Aber es war alles ganz anders – ehrlich!“ Sascha ist übrigens die russische Abkürzung für Alexander, für alle Dummerchen unter euch, und es werden einige sein. Günther glaubt dem Schwindler kein Wort:
„Ich zeige dich bei der Polizei an, das verspreche ich!“ Da merkt man mal wieder, dass der Günther zu allererst Angst hat um sein Eigen, erst vermutet er, dass Sascha ein Dieb ist, dann droht er mit der Polizei, seinem großen Bruder. Dass die eigene Tochter schon mit dem Dieb länger allein war, und das auch auf dem Zimmer, das scheint ihn gar nicht zu kümmern. Der arme Inlineskater versucht, sich und seine ach so prekäre Situation zu erklären, obwohl sie (seine Lage) ja am Arsch kratzen könnte. Einfach abhauen, vorher die Tasche vom Fettmops nehmen und gegen die bisherige eintauschen und ab zum Contest. Aber nein, er reisst seine Augen weit auf und muss ab jetzt seinen Ruf und die Welt retten, vor einem Mann, der lange Jahre auf ein Einfamilienhaus in einem Münchener Vorort hingearbeitet und gespart hat. Ist das nötig? Ist das wirklich nötig? Für die Geschichte schon.
„Mensch, dieser Roland ist doch an allem schuld. Er hat unsere Taschen vertauscht“ Die einzige Chance, mein Zeug wiederzubekommen, war, in seine Rolle zu schlüpfen.“ So Saschas Verteidigung. Und selbst Roland, also, der wahre Roland machte eine wohlgenährte, gute Miene zum bösen Spiel:
„Entschuldigung, Herr Lauer, aber das stimmt. Ich habe leider die falsche Tasche gegriffen. Deshalb bin ich ja auch erst heute gekommen.“ Und das Fräulein Tochter ergänzt:
„Na also, dann kann er also wirklich nichts dafür!“ Doch Sandys Vater wirft Sascha hochkant raus.
Sandy ruft noch: „Papi, du hast doch gehört, dass er unschuldig ist!“ Und der schon taub vor Wut gewordene Günther:
„Ich warne dich, wenn du dich noch einmal in der Nähe meiner Tochter blicken läßt, dann gnade dir Gott!“ Sascha ganz genervt von dem Generationenkonflikt:
„Mann, hören Sie endlich auf, ich verschwinde ja schon!“
Hm. Was glauben Sie, verehrter Leser, und noch mehr verehrte Leserin, wird die Schwuchtel wohl den Schwanz einziehen? Der ist doch spitz wie Lumpi. Also, diesen Eindruck habe ich bis hierhin gewonnen, auch wenn es eklig erscheinen mag, aber so wird die Geschichte wohl weitergehen. Es läuft auf einen Zweikampf Eltern, insbesondere Vater gegen junges, unschuldiges Paar heraus. Günther, der auf dem Granittreppenabsatz vor der geöffneten Haustür steht, wirft Sascha seine Tasche hinaus. Dabei kann man Günthers weisse Hausschläppchen sehen. Wie Badelatschen aus Stoff, aus weissem. Und dann noch ein Schlitz im Bademantel, der sein Bein über’s Knie hochverfolgen läßt. Igitt, ist das widerlich. Aber deutsche Männer sind sowieso die meiste Zeit widerlich. Er ruft:
„Hier, das ist jetzt die richtige Tasche. Hau endlich ab!“
„Vorsicht, da ist mein Equipment drin!“ spricht der arme Alexander, abgekürzt Sascha und wirft Sandy einen traurigen Blick zu.
„Es tut mir leid, Sandy. Bitte, sei mir nicht böse!“ Wehmütig schaut Sandy Sascha hinterher.
„Er tut mir so leid! Wo er jetzt wohl hingeht?!?“ fragt sich Julia. Ja, frag dich nur, du dummes, naives Ding. Hat er denn keine coole Clique in München, eine Posse, die ihn irgendwie irgendwo unterbringt, eine coole WG, wo ständig Musik läuft, man Red Bull trinkt? Muss er unter der Brücke schlafen? Oder macht er es wie Julie Delphi und Ethan Hawke in ‚Before Sunrise‘ und schläft ganz smuf einfach in einem öffentlichen Park? Na, das wäre mal was. Aber ich fürchte, dazu ist unser Knecht Ruprecht nicht in der Lage. Stehengeblieben waren wir allerdings auf dem Treppenabsatz irgendwo in München-Perlach oder München-Pasing.
Der Vater meint zu seinem Spross: „Komm rein, Kind, das ist wirklich kein Umgang für dich!“ Kleine Betriebsanleitung: Ich habe das auch so gemacht bei meinem ersten Besuch bei meiner Freundin, aber ich habe meinen echten Namen gesagt, und es hat funktioniert. Ehrlichkeit macht sich eben bezahlt.
Sandy läuft nun auf ihr Zimmer, sie hat eine Idee, und offensichtlich auch nichts besseres zu tun. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch, zückt einen Stift und denkt so in ihrem Mädchenhirn:
„Ich muss ihm einfach helfen, dieser richtige Roland geht mir jetzt schon auf den Keks!“ Sie schreibt einen Zettel voll, voll mit einer nach links fallenden Mädchenschrift, wo die Punkte Kreise sind, und die Ausrufezeichen Kaugummis, und ein ‚u‘ aussieht wie ein ’n‘ oder auch ein ‚m‘. Oder auch ein ‚w‘. Diesen Zettel heftet sie an den Teddy, der sonst auf der Fensterbank sitzt und –wie sie- schon lange auf den blöden Prinz –wohl auch einer mit langem wallenden Haare- unter ihrem Fenster in München-Pasing vorbeireitet. Sie in ihrem Satenghemd, das sie immernoch trägt, drückt den Teddy fest an ihre bebende Brust und lugt herab us ihrem Fenschder und sieht, dass ihr Inline-Held noch da ist.
„Gott sei Dank er ist noch da unten. Hoffentlich geht er auf meinen Vorschlag ein.“ denkt sie bei sich. Sascha sitzt nichtsahnend vor dem Haus, ratlos, was er als nächstes verwechseln soll. Vielleicht seine Haare mit denen von der Oma da drüben? Aber das funktioniert nicht ohne Schmerzen, und grau möchte er so schnell nicht werden.
Er denkt: „Verdammt, was mache ich denn jetzt? Und wo soll ich nur pennen?“ Wir von Hipp fragen uns: Was hattest du dir denn vorher gedacht, oder war der Coup mit dem Flughafenshop schon auf lange Hand geplant? Unglaubliches Organisationstalent, was Sascha da bewiesen hat, einen nichtsahnenden Fettmops so zu instrumentalisieren! Da, während unser Felix von Beinbach-Anstetten noch denkt, wirft Sandy den Teddy aus dem Fenster, und sie ruft vorher:
„Psst, aufpassen!“ Und jetzt kommt etwas Erstaunliches. Eine Frau kann einigermassen zielen! Von wem hat sie das? Ich glaube, Schwabing hat einen Handballverein, bzw. hatte, jetzt sind die bestimmt abgestiegen. Erstaunt schaut Sascha hoch, als der Teddy angeflogen kommt.
„Ups! Alles Gute kommt von oben!“ Diesen Satz sagt er Sekundenbruchteile bevor er vom Teddy tödlich in den Unterleib getroffen wird, aber weiterlebt. Es war auch Schleichwerbung, denn er sagte: „Ups!“ Und das steht ja für United Parcel Service. Aber die behandeln ihre Mitarbeiter noch unfreundlicher als McDonalds seine oder IKEA, obwohl die sich duzen müssen. Ja, Duzpflicht bei IKEA. Also übelege sich gut, wer da hin will. Ich nicht. Kaum hat unser Sascha den Teddy aufgefangen, ist das Fenster schon wieder geschlossen. Weil sich Julia eine Erkältung holt? Weil ihr schlecht wird vom Fischgestank? Wer weiss es?
„Mensch Sandy“, sinniert Sascha, „was soll ich denn mit einem Teddy?“ Doch kurz bevor er das Tier achtlos wegschmeisst, entdeckt er den Zettel. Er soll zu er nächsten U-Bahn-Station gehen. Ich zitiere nochmal wörtlich:
„Lieber Sascha, geh direkt zur nächsten U-Bahn-Station direkt an der Straßenecke und warte dort! Deine Sandy.“

Nachdenklich wartet Sascha an der U-Bahn-Station. Im Hintergrund eine Oma im grauweisskarierten Catsuit und schwarzer Lederumhängetasche. Ein Fahrrad bis ans Lebensende angekettet an das Geländer, was eilig heranstürmende Passagiere daran hindert, direkt in den Schacht vor die Bahn zu fallen, sondern einen so durch das Geländer erzwungenen Bogen zu machen, der sie dann auf die Rolltreppen führt, die tief tief hinab in das wie ein Magen Darm Tee System U Bahn bla bla führt. Okay, also würde man nicht vor die Bahn fallen, höchstens auf die Rolltreppe.
Sascha denkt:„Jetzt bin ich wirklich mal gespannt, was Sandy von mir will.“ Ich schlage vor, ungezügelten Sex, sie wird dich wie das Fahrrad ans Geländer binden! Was hältst du davon? Plötzlich werden ihm die Augen zugehalten. In dem Moment ruft es aus Pascha heraus:
„Hey Sandy, jetzt weiß ich endlich, was man unter einem Blind Date versteht.“ Da drehte er sich um und erblickte einen Streifenpolizisten, der sich einen Spaß erlaubte. Nein, das war der Autor, der sich einen Spaß erlaubte. Sicher, es war natürlich Dandy. Quark, es war Sandy! Nein! Es ist Tanja. Sascha traut seinen Augen nicht. Würde ich nach so vielen Verarschungen auch nicht mehr.
„Tanja?! Was machst du denn hier?“
„Sandy hat mich angerufen und mir alles erzählt!“ Tanja, die blöde Kuh, hakt sich bei ihm ein.
„Jetzt komm erst mal mit. Ich weiß, wo du pennen kannst!“ muht sie.
Er wiehert: „Bist du eine Hellseherin? Ich such‘ tatsächlich ein Dach!“ Sascha kann es kaum fassen, als er wenig später das Gartenhäuschen von Tanjas Großmutter sieht.
„Na, wie findest Du’s? Hier kannst du erst mal bleiben.“ Jetzt gewährt also die andere dem Triebtäter Unterschlupf. Will Sandy ihrer „besten“ Freundin nur schaden und verkauft ihr den schönen Sascha als netten Typen?
„Ist ja echt abgefahren“ findet der Kerl diese Hütte. Kurz darauf schüttet er der geilen Tanja sein ach so beladenes Herz aus.
„Bitte glaube mir, ich wollte euch nicht verarschen. Ich wußte nur nicht, wie ich anders an mein Equipment rankommen soll. Ohne das kann ich den Inline-Contest vergessen.“ Heul, heul. Tröst.
„Schon okay! Sandy und ich ahben ein Herz für Freaks in Not.“ Während beide sich diese Worte in ihre Ohren flüstern, haben sie sich auf Strandliegen niedergelassen, die im Garten auf dem Rasen unter dem Himmelszelt aufgespannt liegen und sich ihren Teil denken. Sascha ist verzweifelt.
„Meine letzte Kohle hab ich in das Flugticket gesteckt. Ich muß den Contest gewinnen, sonst habe ich noch nicht mal genug Geld, um heimzukommen!“ Okay, wie wäre es mit Wochenendticket, das nächste Mal dann? 1998 war es sogar noch billiger, mein Junge! Und deine Mama? Was ist mit der? Das nenne ich sehr ausgesprochen freakig. Tanja fliegt auf diesen Scheiss herein und nimmt seine Hand, die vom Grinden und Airs-machen schon ganz zerschunden ist. Er wieder:
„Mit der Siegerprämie will ich Urlaub in Italien machen.“ Zufällig? Tanja darauf:
„Keine Panik, du gewinnst! Mit deinen Airs ist das doch kein Problem!“ Sascha ist ganz überrascht, als ihm Tanja auf einmal ein Küßchen gibt.
„Hey, wofür denn das?“
„Weil du einfach ein süßer kleiner Chaot bist!“ Hotzenplotzlich springt Tanja auf, denn ihre Oma kommt mit einer sechzehn Millimeter und zielt auf Sascha. Nein, doch nicht. Es war der Vater von Morgana. Aber was geht euch das an, zieht Leine, haut ab, ihr Blödmänner!
Weiter im Text. Tanja springt also auf und Sack zu Sascha:
„Los, hol dein Badezeug, wir gehen zum See. Sandy kommt auch!“ Sascha erwiedert:
„Ey, super Idee!“ Wie kann sie zu diesem Zeitpunkt wissen, dass der Chaot (Chaos-Tage in Marburg, vorsicht!) Badezeug dabei hat? Weiß sie, dass er nach Italien will und daher auch Baden auf dem Programm steht? Ach was, nicht Baden, Italien natürlich. Latürnich.

Zur gleichen Zeit beginnt der wahre Roland mit seiner ersten Nachhilfestunde. Sandy, die sich mittlerweile was angezogen hat, aber noch baren Fusses ist, meint konsterniert:
„Hör mal, ich habe echt null Bock auf dieses Zeug!“ Und das ist auch der Ursprung der Pisa-Studie. Lauter kleine Sandies. In jedem dritten Ei. Roland antwortet:
„Komm, du wirst schon sehen, wieviel Spass Mathematik machen kann!“ Roland ist nicht nur dick im Gesicht, sondern er hat auch ganz kurze Haare überall auf dem Kopf. Wie ein Schwein sieht er darin aus, in seinem Gesichte. Wie der Sohn vom Metzger. Er trägt immernoch seine Uhr, mit Digitalziffern statt Zeiger. Turnschuhe. Er stellt ihr die ersten Aufgaben und korrigiert sofort unmittelbar:
„Nein, die Winkelhalbierenden der Innenwinkel schneiden sich im Mittelpunkt des Inkreises.“ Dabei sieht er der Schülerin über die Schulter und ist dick, dick, dick. Sandy, die ihre blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengezurrt hat, denkt bei sich:
„Mann, der geht mir mit seinem Scheiß echt auf den Wecker!!“ Ihre Gedanken schweifen immer mehr ab.
„Puh“, denkt sie, „Tanja hat’s gut! Sie amüsiert sich jetzt mit Sascha am See, und ich hänge hier mit diesem Einstein für Arme ab!“ Einstein war Jude. Walt Disney wollte keine Juden in seinem Betrieb haben, sagt die National Zeitung. Aber stimmt das? Roland jedenfalls merkt, dass Sandy völlig unkonzentriert ist.
„Hey Sandy, was ist los? Machst du schon schlapp?“
„Äh… Ehrlich gesagt, ja. Was hältst du davon, wenn wir zum Baden gehen. Dann kann ich dir gleich meine Freundin Tanja vorstellen.“ Sie grinst mit dem Grinsen und der Galanz eines Autoverkäufers. Große Augen. Und Roland? Wird er? Roland gibt sich geschlagen. Zusammen mit seinem Blatt voller Aufgaben verneigt er sich vor seiner angeschlagenen Patientin und spricht die Abdankung to the throne:
„Okay… ich will dich am ersten Tag nicht gleich überfordern.“ Das ist sehr klug von Roland, und überhaupt wird uns dieser Fleischberg noch öfters mit Klugheit und Weisheit beglücken.

Szenenwechsel, Ortswechsel. Sascha und Tanja sind bereits am See. Da läßt es sich bequem am Ufer sitzen. Vielleicht hat unser männlicher Überflieger ja schon ein weiteres Mal bewiesen, wie ultra mega sportlich er ist und hat Steine auf dem Wasser hüpfen lassen. Aber wir wissen es nicht, denn wir waren nicht dabei und diese Geschichte ist nicht in der allwissenden Erzähler-Stil-Weise geschrieben. Okay, ich könnte mich wie Roland breitschlagen lassen und es kurz mal wissen. Breit schlagen ließ sich übrigens auch Edmund Stoiber – und zwar zur Kanzlerkandidatur für die CDU/CSU, ein aussichtsloses Unterfangen, aber wenn er eben unbedingt will?
Zurück zu Saschinski und Tanjoschka. Sie merken nicht, dass Sandy und Roland nach einer Weile dort ankommen. Sacha zu Tanja:
„Hat Sandy gesagt, ob sie diesen Wackelpudding mitbringt?“
„Nein, bleib also erstmal in Deckung, bis ich die Lage gepeilt habe.“ Langsam, Freunde. Wackelpudding finde ich echt rassistisch. Zweitens: Was ist so schlimm daran, wenn der Wackelpudding mitkommt? Das ist doch nicht ansteckend, wenn einer fett ist oder gut in Mathe ist, mann! Da kann doch DER nichts dafür! Also ich setze mich voll für den Roland ein, ihr auch? Macht mit, organisiert euch! Werdet Mitglieder und werbt selber wiederum Mitglieder. Aber anstatt hier illusorisch zu werden, lieber das was (Christ-Stollen!!!) passiert: Als Tanja Sandys Stimme hört und Roland bei ihr entdeckt, schiebt sie Sascha ins Gebüsch. Dieser faucht:
„Ey, was geht ab?“ Tanja erklärend:
„Lass dich bloß nicht blicken, sonst kommen wir in Teufels Küche.“ Vielleicht könnte nämlich der Lehrer dem Sandravater erzählen, dass sich der Hippie immernoch inder (statt Kinder!) Nähe seiner Tochter aufhält! Schlimm! Es kann verheimlicht werden: Roland hat Sascha nicht bemerkt! Yippie! Die Schnulze kann weitergehen! Der Wackelpudding entledigt sich langsam seiner hawaiianischen Tracht und, als er so da hockt, in der Wiese, irgendwie auch gar nicht beschämt ob seiner weissen Körperfülle, sagt er:
„Himmlische Ruhe… Sandy, kann ich meine Sachen in deine Tasche packen?“ Tanja, auch schon im Bikini, bafft ihn an:
„In ihrer Tasche ist aber kein Platz für ein Einmannzelt.“ sagt sie und zeigt lässig auf die Tasche. Sandy, die in der Wiese sitzt, und sich gerade den Rock herunterlässt, übrig bleibt ein roter Bikini, sagt zu Roland, dem Dicken:
„Gib her, das geht schon noch rein – aber dafür mußt du uns die Luftmatratze aufblasen.“ Frech, frech, die Gören. Aber es kommt noch besser. Während Roland, das Keyboard, mit de Luftmatratze beschäftigt ist, tuscheln die Mädchen miteinander.
Tanja zu ihrer Freundin: „Sascha wartet im Gebüsch, aber vorher müssen wir Rollo noch entsorgen.“ Sandy ganz knitze zu der Tanja:
„Ich hab‘ auch schon eine Idee!“ Als Roland kurz darauf die Luftmatratze aufgebladen hat, sind die Mädchen bereit, ihren Plan durchzuführen.
„Fertig!“ schallt es von hinten aus dem Buddha heraus, froh wie ein Kind, das Pippi oder A-a gemacht hat und es stolz der Mami präsentiert. Die beiden Teenie-Muttis honorieren das Erstlingswerk auch mit einem „Rollo, du bist ein echt starker Typ!“ (Tanja) und „Wir haben uns auch eine Überraschung für dich ausgedacht.“ (Sandra) Was Aufblasen – das können unsere Mädels nicht, aber ausziehen, das können sie. Und diesen Vorschlag wollen sie dem armen Roland unterbreiten. Und dieser kann sich ja bekanntlich aufgrund weiblicher Nicht-Beachtung beklagen. Beim Allerhöchsten. Oder bei dem, der ihm die Fett-Gene vermacht hat. Oder ihn abgefüllt mit Ballackstoffen und Kohlenhydranten. Sandy zieht Roland zum Wasser:
„Runter mit dem Zeug! Jetzt ist Nacktbaden angesagt.“
„Du genierst dich doch nicht, oder?!“ fügt Tanja hinzu, die sich das Grinsen nicht hinter dem Ba-Ba-Berg halten kann.
„Äh… ich weiss nicht…“ stammelt unser Roland, und, mal Hand auf’s Herz, hätten wir nicht auch gezögert – egal wie geil die Damen auch immer gewesen wären? Roland steht da, in der kleinen Bucht, in seiner blau-gelben Wassershort, und Schwimmringen um seine Hüfte, natürlichen Schwimmringen, vesteht sich. Dann läßt er sich doch breitschlagen, wie Edmund Stoiber, aber das hatten wir ja schon. Er bittet die Nixen:
„Könnet ihr euch nicht umdrehen?“

Christian Weigel: Rollo – Teil 4

„Äh… ich weiss nicht…“ stammelt unser Roland, und, mal Hand auf’s Herz, hätten wir nicht auch gezögert – egal wie geil die Damen auch immer gewesen wären? Roland steht da, in der kleinen Bucht, in seiner blau-gelben Wassershort, und Schwimmringen um seine Hüfte, natürlichen Schwimmringen, vesteht sich. Dann läßt er sich doch breitschlagen, wie Edmund Stoiber, aber das hatten wir ja schon. Er bittet die Nixen:
„Könnet ihr euch nicht umdrehen?“ Scheu ist er eben, und doch läßt er die Short herab, nicht sportlich, nicht sexy, einfach herab, langsam, zuerst kommt die speckige Kimme zum Vorschein, und es ekelt uns alle an. Aber Mitleid erfüllt uns. Die Damen wenden sich ab, ihre Träger sind auch schon zur Hälfte die Schultern herabgefallen, und übrig bleibt nur eine weisse Spur Blässe – hier war einst ein Träger.
„Okay, mach nur weiter.“ spricht Sandy, und Tanja heuchelt:
„Wir ziehen uns inzwischen hinter den Büschen aus.“ Diese Tanja ist eine Schlange. Damit ihn die Mädchen nicht nackt sehen, springt Rollo schnell ins kalte Nass. Bauch voraus, nicht spektakulär oder sonstwie sportlich. Der Weltwasserspiegel steigt weltweit um ein paar Millimeter und Städte wie Los Angeles oder Madrid versinken im Wasser, Tokio wird von einer Flutwelle bedroht. Holland? Das gibt es nicht mehr. Als Roland weg ist, er schwimmt so dahin, was soll man auch anderes machen… als er also weg ist, kommen die Mädchen kichernd hinter den Büschen hervor. Die Bikini-Träger sind wieder auf die Schultern gerutscht, war also eine Finte. Tanja sieht die Sachlage so:
„Hat doch prima geklappt. Und die Badehose nehmen wir auch mit.“
Sandra: „Jetzt aber nichts wie weg!“ Lachend sitzt der Dritte im Gebüsch: Sascha und beobachtet die Szene aus dem sicheren Versteck.
„Ha, die Mädels sind echt hammerhart!“ Kaum zu fassen. Gerissen sind diese Dinger. Als Roland nach einer Weile an die Küste zurückschwimmt, ist er überrascht, weil er die Mädchen nicht sieht, nicht nackt und auch nicht bekleidet. Nackt, das wäre ihm und seinem weissen Arsch wohl lieber gewesen, aber so hat’s nicht sollen sein, lieber Roland.
„Sandy? Tanja? Wo seid ihr denn?“ So seine Originalworte. Der nackte Dicke ist verzweifelt, als er merkt, dass die Mädels weg sind.
„Neeeeeiiiiiiiin! Ihr könnt mich doch hier nicht einfach allein lassen – nackt!!!“ Wie ein Brüllaffe klatscht er mit seinen Patschhänden auf die Wasseroberfläche ein, kneift seine enttäuschten Äuglein zusammen. Kann jemand wie Roland sauer werden? Dann müsste er es jetzt sein.

In der Zwischenzeit sind die drei ??? in der Gartenlaube angekommen und lachen sich schlapp. Tanja:
„War Sandys Idee nicht spitze?“ Sascha völlig ausgelassen und happy:
„Absolut! Nur schade, daß wir Rollos Gesicht nicht sehen konnten, als er aus dem Wasser kam.“ Sandy zuguterletzt:
„Hauptsache, wir sind ihn los!“ Beide Mädels tatschen ihrem Hero auf die Schulter, körperlich ist er momentan Tanja näher, aber schauen tut er zu der anderen. Tanja strahlt Sascha an:
„Nach der Nummer hat Rollo bestimmt genug. Jetzt können wir zu deinem Inline-Contest kommen.“ Sascha vergewissert sich, dass Sandra auch kommt.
„Der Contest startet um drei! Ich brauch‘ dich als meinen Glücksbringer.“
„Klar, bin ich dabei. Ich lasse es mir doch nicht entgehen, wenn sich der Skate-King seine Krone schnappt.“ Wenig später verabschieden sich die Mädchen.
„Ich muss los, du kennst ja meinen Vater!“ meinte Sandra und hängt locker die Badetasche über ihre Schulter. Tanja:
„Sorry, ich kann auch nicht bleiben, aber wir sehen uns ja morgen.“ Und Sascha:
„Ich verlass mich auf euch!“

Zur gleichen Zeit – aber an einem anderen Ort, den wir bereits sehr gut kennen. Da klingelt es an einer Tür, an der von Sandys Eltern. Die Mutter öffnet die Tür und ist ent-setzt! Der Nachhilfelehrer… aber wie sieht er aus? Hildegard Schlangenhaut:
„Um Gottes willen, wie sehen Sie denn aus?“ Soll sie lachen oder schreien? Was da vor ihr steht ist krebsrot angelaufen und nur mit einer schlaffen Luftmatratze um die Lenden geschnürt, steht Roland vor der Türe:
„Äh… ich muss mich entschuldigen, Frau Lauer. Aber mir ist schon wieder ein dummes Mißgeschick passiert!“ spricht die Wurst und macht einen krebsroten Knicks. Da sie nunmal aus ihrer Mutterhaut nicht herauskann, versorgt sie Rollos Sonnenbrand, indem sie ihn eincremt. Der fette Hermes hat es sich dazu auf der Terrasse bequem gemacht auf einem der Liegestühle, mit x-Beinen, nach vorn gebeugt sitzt er da und seine Brüste werfen dicke Falten über weitere und weitere Falten. Wie einer dieser Hunde.
Da, plötzlich steht die zickige Tochter in der TerracottaTerrassenTür und wird gleich zur Rede gestellt:
„Was hast Du mit Roland gemacht? Ich will eine Erklärung, und zwar sofort!“ (Rollo nur kurz dazwischen: „Hallo Sandy!“ – Er scheint ihr nicht böse zu sein.) Die Tochter plädiert für Freispruch:
„Ich weiss auch nicht, aber Roland war auf einmal weg. Tanja und ich dachten, er sei schon gegangen. Und dann haben wir uns auch auf den Weg gemacht.“ Sie spielt die perfekte Unschuldige.
„Oh Gott, Roland, jetzt fällt mir ein – ich hatte ja deine Klamotten in meiner Tasche.“ Aber so arg ist es ihr gar nicht, ein bisschen grinsen muss sie dabei schon… Wir halten es nicht für möglich – aber dieser Roland hat ein solch dickes Fell. Ahnt mal das: Er ergreift auch noch Partei für sein Böckchen:
„Sehen Sie, Frau Lauer, ich hatte recht. Sandy würde mich doch nie nackt irgendwo aussetzen.“ Und die Frau Mamma kann nicht anders als bekennen:
„Sie sind wirklich ein lieber Junge, Roland.“ Um Roland völlig zu besänftigen, kniet sich Sandra zu ihrem Ekeldoktermathe hin und entschuldigt sich nochmal ganz lieb.
„Es tut mir wirklich sehr leid, Roland. Vielen Dank, dass du mir nicht böse bist, aber es war wirklich keine Absicht.“ Entwaffnend, diese Masche. Maschematik.
Und Roland zu ihr: „Das weiß ich doch, Sandy. Mir passieren laufend so blöden Sachen. Ich bin eben ein richtiger schusseliger Professor.“ Die Mama Lauer dreht der Zehnerie den Rücken zu mit cremeverklebten Fingern, ihre Arbeit ist getan.
Und der Tag endet irgendwie – wir wissen nicht genau wie. Aber wahrscheinlich wird zu abend gegessen. Der Vater glotzt, die Mutter telefoniert mit einer Freundin aus der Feng-Shui-Gruppe über ganz und gar nicht Feng-Shui-mässige Themen, der kleine Bruder von Sandra, den wir noch nicht gesehen haben, spielt mit seinem Sega-Scheiss und hört dabei Rap oder New Metal, Sandra feilt ihre Fussnägel und läuft entnervt zu ihrem Bruder rein und schreit: Mach leiser den Scheiss! Dann schmeisst sie sich nach getaner Arbeit auf ihr Bette und schreibt eine SMS an Tanja, sie findet den „Sash“ voll zum knuddeln, ob der wohl schon mal ne Freundin hatte, krasse Vorstellung, dass sich der Lutschkopf von Roland da unten noch einen runterholt im Gästezimmer, dass das andersmadige Ferien werden dieses Jahr mit vollgeschrödert werden von Dr. Mathe, und wie Vaddern gedampft hat, zu sehr!

Ein nasser Teenagetraum und dann schon der nächste Tag. Sandys Vater ist ganz überrascht, dass seine Tochter schon mit Roland bei der Nachhilfe sitzt.
„Freut mich, dass du so fleissig bist, Sandy. Es macht dir wohl Spass, mit einem Genie wie unserem Roland zu lernen?“ Und legt liebevoll die väterliche Pranke in Sandras Genick.
„Ja Vati“, erwidert diese gehorsam, „aber bitte stör uns jetzt nicht länger.“ (Heute trägt unsere süße kleine Schülerin ein enganliegendes rosafarbenes Hemd und einen rosa Mini mit Blumenaufdruck.) Roland sagt zu Herr Lauerbauer:
„Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Lauer, wir werden Sandys kleine mathematische Schwächen schon ausbügeln.“ Es ist friedlich bei Lauers. Wide und bright kein Schimmer von Krieg in Afghanistan oder sonstwas. Achso, es war ja erst 1998. Aber in Afghanistan waren da auch schon Minen vergraben. Nachdem sie eine Weile mit Roland gepaukt hat, ist Sandy am Verzweifeln. Schon wieder? Kaum zu fassen. Die Konzentrationsfähigkeit hat extrem abgenommen! Machen das die schnellen Schnitte in ViVA und MTV? So protestiert die Geschundene:
„Was? Diese Aufgabe auch noch? Roland, das schaff‘ ich heute nicht mehr.“ Roland biegt sein Ohrläpplein zurecht:
„Wie bitte? Ich glaube, ich habe mich verhört. ‚Das schaff‘ ich nicht‘ existiert nicht in meinem Wortschatz.“ Zwischen seinen speckigen Fingerchen klemmt ein kluger Kugelschreiber. Warum einen kaufen, wenn man sie als Werbegeschenk hinterhergeworfen bekommt? Logisches Denken durchdringt einen Mann, der dem Michelinmännchen Konkurrenz macht. Zum tausendsten Mal: Ja, er ist dick! Das hast Du uns jetzt klar gemacht, Autor! Da Sandy unbedingt zu dem Inline-Contest will, verlegt sie sich aufs Betteln.
„Bitte, bitte, Roland. Machen wir Schluss für heute. Wir haben doch noch die ganzen Ferien Zeit zum Büffeln.“ Schon wieder ist das Fleischstück breitgeklopft und kann gebraten werden:
„Na ja… wenn du meinst.“ Roland läßt sich von Sandy wieder um den Finger wickeln.
„Das ist süß von Dir. Ich hab nämlich was ganz Dringendes zu erledigen.“
„Hoho“, muss Roland lachen, „willst Du wieder kleine Jungs zum Nacktbaden verführen?“ Dabei sieht er wirklich süß aus, wiegt den schweren, klugen Kopf hin und her, findet sich selbst ein bißchen komisch. Nachdem ihm Sandy von dem Event erzählt hat, und das hätte sie nun wirklich nicht tun sollen, läßt sich Rollo nicht mehr abwimmeln, die weissen Söckchen, die in den Birkenstocks stecken, folgen ihr durchs ganze Haus.
„Du nimmst mich doch mit… Ich bring nur schnell die Bücher hoch.“ sagt der Arme. Und was denkt sich die hübsche Sandy?
„Au weia, da muss ich mir aber noch was einfallen lassen…“ Sie grübelt bereits und hat nachdenklich ihre Faust an ihr Kinn gelegt. Mißtrauisch sieht sie zurück über ihre Schulter und hört die Worte von dem Dicken, der ihr so ganz und gar nicht symphatisch ist. Wenig später steigen Sandy und Roland in den Bus ein, um zum Inline-Contest zu fahren. Bis hier hin ist er noch dabei, aber sie will ihn doch beiseite schaffen!
„Ich glaube, das ist unser Bus.“ sagt Sandy und lacht Roland an. Offen trägt sie die Haare und sieht richtig nett aus. Poland, mit einem Stinkefuss schon im Linienbus, dreht sich nochmal zu seiner ungleichen Begleiterin um:
„Bleib aber dicht hinter mir, damit wir uns nicht wieder verlieren!“ Verlieben, Verlier’n, Vergessen, Verzeih’n, Sich hassen, Verlasen und doch unzertrennlich sein (Münchener Freiheit). Im Bus studiert das blonde Gift die Busroute:
„Hmm, ich finde die Haltestelle hier gar nicht.“ Die fette Qualle hat schon Platz genommen, und das wird ihr gleich zum Verhängnis:
„Tut mir leid, Sandy. Ich kann dir nicht helfen. Ich bin ja fremd in der Stadt.“ Als der Motor des Busses startet, läuft Sandy zur Tür.
„Komm schnell, Roland, wir sind hier falsch.“ ruft sie ihm zu. Roland greift nach der Stange, zieht seine Kilos hoch, und zwängt ein
„Warte auf mich!“ aus sich heraus. Leider muss er drinne bleiben. Sandy springt schnell raus. Als sich Roland durch die Sitzreihen schiebt, schließt sich die Tür. Vielleicht schallt noch eine Ermahnung des Fahrers nach hinten, aber wir können diese nicht mehr hören. Dennoch möglich. Viele, ja die meisten der Busfahrer sind ja gerne zu solchen machohaften Showeinlagen bereit. Haben ja sonst nichts im Leben. Außer ihren goldenen Armkettchen und Zigaretten. Der Bus jedenfalls – er fährt weg, beladen mit einem Plus von mindestens fünfundachtzig Kilo. Sandy von außen:
„Armer Rollo… du tust mir sooo leid!“ Roland von innen, die großporige Nase an die behindertengereche Tür gequetscht und die Speckfinger fassungslos an die Scheibe gedrückt:
„Sandyyyyy!“

 

Literatur

Auszüge und Kommentare aus den Meisterwerken unserer Zeit. Dazu erhaltet ihr brandaktuelle Daten, ja, fast wasserdichte Biographien der Schriftsteller. Ungeschminkte Wahrheit. Wie waren sie wirklich, abseits des Ruhms, wenn sie einmal aus dem Rampenlicht getreten waren und heulend zusammenbrachen – da, wo sich Maskenbildner und Kabelträger „Gute Nacht!“ sagen… Aber solche Dinge erfahrt ihr vielleicht auch unter der Rubrik „Glanz und Glamour“.

… mittlerweile eingetroffen, der lang erwartete, jetzt veröffentlichte, obwohl schon vor Monaten geschriebene ZEHNTE TEIL von dem Erfolgsroman ROLLO. Was geschieht an der sonnigen Adria? Tanja, die keine Mathe-Nachhilfe braucht, darf mit Sunnyboy Sasha an den Strand, eincremen… während Sandra mit The one and only Schwabbelbauch Roland pauken muss. Jetzt bleibt die Frage: WAS geschieht beim EINCREMEN?
Werbung in eigener Sache: Den ROLLO-Roman gibt es bald als gebundenes Handbuch zu kaufen, im IIIegaI Verlag, für 3,99Euro und dann kommen noch Versandkatastrophenkosten.